Osterbotschaft 2022 von Stephan Ackermann, Bischof von Tier

Osternacht, 16. April 2022

Die Liturgie der Osternacht mit ihrer Symbolik und vor allem mit ihren biblischen Geschichten ist – so empfinde ich es immer wieder – ein einziges Loblied auf das Leben. Dieses Lied hebt an mit dem Schöpfungsbericht aus der Genesis: Die wunderbaren, rhythmisierten Verse, die dem Zuhörenden vermitteln wollen, von welcher wunderbaren Ordnung der Kosmos geprägt ist. Oder denken wir an den berührenden Aufruf des Propheten Jesaja: „Alle Durstigen, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt, kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld und ohne Bezahlung Wein und Milch!“ (Jes 55,1) Verrückt! Und doch erinnert uns die Einladung daran, dass noch vor all dem, was wir uns kaufen können und kaufen müssen, die Schöpfung mit ihren Gaben Geschenk ist, das wir nicht produziert haben.

Aber Gott ist nicht nur der Ursprung, der Geber des Lebens, sondern er ist auch der, der es erhält und der rettet. Davon spricht die zweite Lesung aus dem Buch Genesis: Gott ist ein Freund des Lebens. Er will keine Menschenopfer, wie es damals in anderen Kulten, die im Umfeld Israels lebten, der Fall war. Gott rettet vor bösen und feindlichen Mächten. So erzählt es die dritte Lesung von der Errettung am Schilfmeer. Gott als Schöpfer und als Retter des Lebens, so erzählen es die biblischen Geschichten und tun damit unseren aufgerauten Herzen gut.

Dabei sind die biblischen Erzählungen keine naiven Gutenachtgeschichten. Auch wenn die Geschichten alle gut ausgehen, die Urflut im Zaum gehalten und die Israeliten vor ihren Feinden gerettet werden, so spüren wir doch auch das Zittern, dass diese Geschichten durchzieht. Man hält zwischendurch den Atem an, weil man spürt, wie gefährdet und zerbrechlich die Schöpfung und das menschliche Leben sind. Es ist nicht von vornherein ausgemacht, dass die Geschichten gut ausgehen. Es hätte auch ganz anders ausgehen können. Und so kommen uns unwillkürlich Bilder in den Sinn, die vom Gegenteil sprechen:

Denn wir können den Schöpfungsbericht heutzutage nicht ehrlich hören, ohne daran denken zu müssen, wie sehr das Gleichgewicht unserer Schöpfung –auch durch unser menschliches Verhalten – gefährdet ist.

Wir können die Geschichte von der Rettung des Isaak nicht hören, ohne daran denken zu müssen, dass es nicht allen Eltern, die um das Leben ihres Kindes bangen, vergönnt ist, ihr Kind wohlbehalten in die Arme schließen zu können: Sei es, dass die Kinder durch Naturkatastrophen bedroht sind, durch Krankheiten oder menschenverachtende Angreifer …

Wir können auch die Geschichte von der Befreiung am Roten Meer nicht hören, ohne gleichzeitig daran denken zu müssen, dass in den letzten Wochen unzähligen Menschen in der Ukraine genau das nicht vergönnt war: Sie wurden Opfer eines verbrecherischen Angriffskrieges, und die Wogen schlugen nicht über der feindlichen Militärmaschinerie zusammen.

Vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, konnten Sie daher gut dem Gotteswort aus der Prophetenlesung zustimmen, das sagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege … So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Jes 55,8f) Wie anders scheinen uns oft Gottes Pläne im Vergleich zu unseren Anliegen!

Gerade das, liebe Schwestern und Brüder, macht für mich die biblischen Erzählungen so glaubwürdig. Denn einerseits gilt: Ja, es sind Rettungsgeschichten. Es sind Geschichten, die am Ende gut ausgehen. Es sind Geschichten, die von denen erzählt werden, die gerettet wurden. Andererseits sind es Geschichten, die nicht behaupten, dass alles einfach gut ist und gut wird. Die biblischen Geschichten bleiben offen für die Zwiespältigkeit unserer menschlichen Erfahrungen und für die Fragen, die auch das Handeln Gottes aufwirft.

Überboten wird das alles von der Geschichte, die uns als Christen zu dieser Feier zusammenführt und die gar nicht gut ausgegangen ist, wenigstens nicht im Sinne der alttestamentlichen Lesungen. Menschlich hat die Geschichte von Jesus kein Happy End gefunden: Er wurde nicht wie Isaak und die Israeliten in letzter Sekunde gerettet. Er wurde nicht vor dem Schlimmsten bewahrt. Er wurde das Opfer ungerechter Aggression, ist menschlich gesehen eines grausamen und sinnlosen Todes gestorben. Noch am Kreuz ruft Jesus flehentlich nach Gott, aber der Himmel schweigt eisern.
Und der Bericht über die Entdeckung des leeren Grabes, den wir soeben als Evangelium gehört haben, ist auch noch kein wirklich österlicher Triumphbericht. Dem Bericht haften noch deutlich die Spuren von Trauer und Skepsis an: Nach der Schilderung des Evangelisten stehen die Frauen ratlos, regelrecht verdattert im leeren Grab. Sie erschrecken über die Botschaft, die ihnen vermittelt wird. Sie laufen zurück und berichten, was sie erlebt haben, aber man glaubt ihnen nicht, hält es sogar für Geschwätz.

Die Jesusgeschichte ist im Vergleich zu allen anderen Geschichten dieser Nacht die Geschichte einer Niederlage: Jesus wird nicht auf wundersamerweise vor dem Tod bewahrt. Er kehrt nicht freigelassen vom Hohen Rat in die Mitte seine Jünger zurück … Aber bedenken wir: Wäre die Jesusgeschichte gut ausgegangen so wie die anderen Geschichten, die uns in der Osternacht erzählt werden, dann wäre diese Geschichte eine geschlossene Geschichte, wäre sie heute „Geschichte“ im wahrsten Sinne des Wortes: Sie wäre Vergangenheit. Weil sie aber in dieser Zeit und Geschichte kein Happy End findet, bleibt sie offen: Durch die Niederlage hindurch wird eine neue Zukunft sichtbar.

Dadurch bekommt auch die Hoffnung, die Ostern verbreitet, eine ganz neue Qualität. Denn Ostern sagt nicht: „Hoffe auf Gott, dann wird er dich vor allem bewahren.“ Ostern sagt: „Gott rettet dich nicht vor jeder Niederlage, bewahrt dich nicht vor jedem Schmerz, nicht einmal vor dem Tod. Gott bewahrt dich nicht vor allem, aber er rettet dich durch alles hindurch: Durch deine Niederlagen, deine Enttäuschungen, deine Schmerzen, ja selbst durch den Tod hindurch.“
Nach gläubigem Verständnis ist dieses österliche Versprechen Gottes nicht kleiner, sondern größer als alles, was er Menschen vorher je gegeben hat.

Amen.