
Weihnachten, 2025
Vor kurzem stieß ich auf einen Zeitungsbeitrag, der dem Phänomen des Staunens gewidmet war (DIE ZEIT Nr. 54/ 17. Dezember 2025, S. 27f). Darin gab die Autorin zu, dass sie mit einem gewissen Neid auf Kinder blicke und deren Fähigkeit, staunen. Wir Erwachsene, so die Autorin, hätten das Staunen doch weithin
verlernt. Wir seien es gewohnt, für die Phänomene, die uns begegnen, rationale Erklärungen zu suchen. Das sei natürlich vernünftig, mache die Welt irgendwie aber auch trister.
Bereits seit mehr als 20 Jahren, so der Beitrag, gibt es ernstzunehmende Forscherinnen und Forscher (etwa in Berkley in den USA oder in Amsterdam), die sich mit dem Phänomen des Staunens beschäftigten. Die Untersuchungen hätten festgestellt, dass das Staunen nicht nur ein angenehmes Gefühl sei, sondern auch dazu beitrage, „Schmerzen zu lindern, die Schlafqualität zu verbessern, Ängsten und Depressionen vorzubeugen“. Mehr noch: Versuche mit Kindern und Jugendlichen hätten gezeigt, dass Staunen Menschen sogar großzügiger und hilfsbereiter mache.
Eigentlich ist der Befund nicht verwunderlich. Schon die Geschichte des biblischen Glaubens ist voll von Beispielen, in denen Menschen ins Staunen geraten. Und oft verbindet sich gerade damit die Erfahrung ihrer Berufung.
Denken wir an Abraham, den Gott hinausführt unter den nächtlichen Sternenhimmel (Gen 15,5f). Im Staunen über die gewaltige Größe des Himmels und die Unzahl an Sternen spürt Abraham, dass er mit seinem Glauben an entscheidender Stelle stehen wird für unzählige Menschen nach ihm.
Für Mose wird die staunenswerte Erscheinung des Dornbuschs, der brennt, aber nicht verbrennt, zum entscheidenden Erlebnis dafür, dass er den Auftrag Gottes annimmt, die Israeliten aus der Knechtschaft des Pharao zu befreien (Ex 3f).
Und wie oft entfährt den Psalmbetern der Ausruf: Herr, wie staunenswert sind deine Werke! (vgl. etwa Ps 139,15/ Weish 19,8) Dabei denken die Betenden sowohl an die Werke der Schöpfung, die sie zum Staunen bringen, als auch an die Erfahrung der Befreiung aus der Hand ihrer Feinde (vgl. Ps 18,4; 56,14; 116,8).
Die ersten, die in der Heiligen Nacht ins Staunen geraten, sind die Hirten. Auch ihnen verschlägt es den Atem angesichts dessen, was da am Nachthimmel sichtbar wird: Der Himmel über ihnen bleibt nicht eine dunkle Decke, sondern er spricht zu ihnen, ja, er beginnt zu singen in der Schar der Engel, die die Hirten aufmerksam machen auf das Kind in Bethlehem.
Wie viele andere Gestalten der Bibel müssen die Hirten zunächst beruhigt werden: Fürchtet euch nicht!, sagt der Engel. „Staunen“, so sagen die Wissenschaftler, ist nämlich „das Gefühl, ganz eingenommen und überwältigt zu sein – weil etwas so neu, so unerwartet, so großartig ist.“ Aber im Unterschied zu dem, was uns erschreckt, flößt das Staunen keine Angst ein, höchstens Ehrfurcht. Dies sprechen die Engel an, wenn sie sagen: Fürchtet euch nicht! Staunen meint eine Begeisterung und eine Bewunderung, die weit über ein schlichtes Sich-Wundern hinausgeht.
Wenn das so ist, liebe Schwestern und Brüder, – und wir können das durch unsere eigene Erfahrung bestätigen – dann gilt es, die Fähigkeit zu staunen, nicht zu verlieren, vielleicht sie sogar wieder neu zu lernen.
Denn echtes Staunen ist ein wichtiges Gegenmittel gegen das, was uns oft genug im Alltag, überkommt: Erschrecken. Die Verfasserin des Zeitungsartikels hat Recht: Das Staunen haben wir weithin verlernt, aber im Erschrecken lernen wir doch jeden Tag hinzu. Mir jedenfalls geht es so. Dabei denke ich an das Erschrecken,
– über den Hass, den Menschen Anderen gegenüber empfinden;
– über die immer neuen Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen antun;
– über die Unverfrorenheit, mit der heutzutage Fake-News und Lügen verbreitet werden;
– über die unverhohlene Bereitschaft, Menschen in den digitalen Netzwerken mit Häme und Spott zu überziehen…
Ich will mich, ehrlich gesagt, nicht daran gewöhnen und denke: Gibt es denn da eigentlich keine Grenze? Staunen ist demgegenüber eine positive Gegenkraft. Ihre Wirkung führt dazu – auch das haben die Forschungen ergeben –, dass das Ego kleiner wird, der Mensch sich für eine Zeit selbst vergessen kann und offener wird für das große Ganze.
Liebe Schwestern und Brüder, Weihnachten lädt uns zum Staunen in diesem Sinn ein. Aber, Weihnachten tut dies auf ganz eigene Weise: Da ist zwar das ehrfurchtsvolle Staunen der Hirten, das in der Tradition des Staunens in der Bibel steht: Menschen werden von der Größe der Gottesbegegnung übermannt und müssen von Gott selbst beruhigt werden. Doch nachdem die Engel in den Himmel zurückgekehrt sind (Lk 2,15), wird es wieder still um die Hirten. Da ist nur noch das freie Feld und der vertraute Nachthimmel. Und auch im Stall von Bethlehem zeigt sich keine besondere Erscheinung, kein spektakulärer
Himmelschor, sondern nur Maria und Josef und das Neugeborene in der Krippe.
Gerade so will Weihnachten uns in Staunen versetzen: Um uns seine Nähe und Liebe zu zeigen, wählt Gott das, was zigtausend Mal jeden Tag auf unserer Erde vorkommt und was doch zum größten Wunder gehört, das wir kennen: Die Geburt eines Menschen.
Was gibt es Staunenswerteres als ein neugeborenes Menschenkind?
Selbst Mensch zu werden unter uns Menschen, das ist die höchste, die ultimative Weise, wie Gott sich uns offenbart. – Da muss man erst einmal darauf kommen!
An Weihnachten will Gott uns nicht durch spektakuläre Aktionen zum Staunen bringen, sondern durch das ebenso schlichte wie atemberaubende Wunder der Geburt eines Kindes. Das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt (Lk 2,15), so sagt der Engel zu den Hirten. Gott überwältigt nicht, sondern er gibt Zeichen. Das Zeichen schlechthin ist Jesus.
Wer dieses Zeichen zu lesen versteht, der erkennt in ihm das „Wort“, das „von Anfang an war“ und „das Gott war“ und in dem Licht und Leben sind und die Wahrheit. (Joh 1,1ff) Diese Wahrheit gehört nicht zu den Wahrheiten, die uns erschrecken und enttäuschen. Nein, die Botschaft von Weihnachten ist die Wahrheit, die uns immer wieder neu zum Staunen bringen kann. Denn sie spricht von Gottes unendlicher Liebe zu dieser Welt.
Verlernen wir also nicht das Staunen über die Zeichen, die Gott in dieser Welt ausstreut! Je mehr Menschen sich dieses Staunen bewahren, umso mehr wächst die Chance, dass Weihnachten nicht bloß ein gefühlvolles Fest bleibt, sondern sich spürbar-positiv in unserem Alltag auswirkt.