Osterbotschaft „Urbi et Orbi“ 2021 von Papst Franziskus

Liebe Brüder und Schwestern, frohe Ostern! Frohe, gesegnete und friedvolle Ostern!

Heute erschallt in aller Welt die Botschaft der Kirche: „Jesus, der Gekreuzigte, ist auferstanden, wie er gesagt hat. Halleluja.“

Die Osterbotschaft ist keine Einbildung, sie offenbart keine Zauberformel, sie zeigt keinen Fluchtweg angesichts der schwierigen Situation, die wir gerade durchleben. Die Pandemie ist immer noch in vollem Gange; die soziale und wirtschaftliche Krise ist sehr schwer, besonders für die Ärmsten. Trotzdem – und das ist skandalös – nehmen die bewaffneten Konflikte kein Ende und werden die militärischen Arsenale verstärkt. Und das ist skandalös für heute.

Angesichts oder vielmehr inmitten dieser komplexen Realität enthält die Osterbotschaft in wenigen Worten ein Ereignis, das eine Hoffnung schenkt, die nicht enttäuscht: „Jesus, der Gekreuzigte, ist auferstanden.“ Sie berichtet uns nicht von Engeln oder Geistern, sondern von einem Menschen, einem Menschen aus Fleisch und Blut mit einem Gesicht und einem Namen: Jesus. Das Evangelium bezeugt, dass dieser Jesus, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, weil er gesagt hat, er sei der Christus, der Sohn Gottes, am dritten Tag auferstanden ist gemäß der Schrift und wie er es selbst seinen Jüngern vorausgesagt hatte.

Der Gekreuzigte, nicht ein anderer, ist auferstanden. Gott der Vater hat seinen Sohn Jesus auferweckt, weil er seinen Heilswillen bis zum Ende erfüllt hat: Er hat unsere Schwachheit, unsere Leiden, ja unseren Tod auf sich genommen; er hat unsere Schmerzen gelitten, er hat die Last unserer Sünden getragen. Darum hat Gott der Vater ihn erhöht, und nun lebt Jesus Christus in Ewigkeit, und er ist der Herr.

Die Zeugen berichten ein wichtiges Detail: Der auferstandene Jesus trägt die eingeprägten Wunden an Händen, Füßen und an der Seite. Diese Wundmale sind das ewige Siegel seiner Liebe zu uns. Jeder, der eine schwere Prüfung an Leib und Geist erlebt, kann in diesen Wunden Zuflucht finden und durch sie die Gnade der Hoffnung erlangen, die nicht enttäuscht.

Der auferstandene Christus bedeutet Hoffnung für alle, die weiterhin unter der Pandemie leiden, für die Kranken und für diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben. Der Herr schenke ihnen Trost und unterstütze die Anstrengungen der Ärzte und des Pflegepersonals. Alle Menschen, vor allem die schwächsten, brauchen Betreuung und haben ein Recht darauf, Zugang zu der notwendigen Pflege zu erhalten. Dies wird in dieser Zeit noch deutlicher, in der wir alle aufgerufen sind, die Pandemie zu bekämpfen, und in diesem Kampf stellen die Impfstoffe ein wesentliches Instrument dar. Im Sinne eines „Internationalismus der Impfstoffe“ fordere ich daher die gesamte internationale Gemeinschaft auf, in gemeinsamer Anstrengung die Verzögerungen bei der Impfstoffversorgung zu überwinden und eine solidarische Verteilung, speziell mit den ärmsten Ländern, zu fördern.

Der auferstandene Gekreuzigte bedeutet Stärkung für alle, die ihre Arbeit verloren haben oder sich in ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden und nicht über entsprechende soziale Sicherheiten verfügen. Der Herr lenke das Handeln der Behörden, damit allen, besonders den bedürftigsten Familien, die notwendigen Hilfen für einen angemessenen Lebensunterhalt angeboten werden. Die Pandemie führte leider zu einem dramatischen Anstieg der Zahl der Armen und zur weiteren Verzweiflung von Tausenden Menschen.

„Es ist erforderlich, dass die Armen aller Art wieder neue Hoffnung zu schöpfen beginnen“, sagte der heilige Johannes Paul II. auf seiner Reise nach Haiti. So denke ich in diesen Tagen gerade an das geliebte haitianische Volk und möchte es ermutigen, sich nicht von den Schwierigkeiten überwältigen zu lassen, sondern voll Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft zu blicken. Und ich möchte sagen, dass ich besonders an euch denke, liebe Schwestern und Brüder in Haiti. Ich bin euch nahe, ich bin euch sehr nahe und mein Wunsch ist, dass für euch die Probleme endgültig gelöst werden. Darum bete ich, liebe Brüder und Schwestern in Haiti.

Der auferstandene Jesus bedeutet Hoffnung auch für so viele junge Menschen, die gezwungenermaßen für längere Perioden keine Schule oder Universität besuchen und keine Zeit mit Freunden verbringen konnten. Für uns alle ist es erforderlich, echte menschliche Beziehungen zu leben und nicht nur virtuelle, vor allem in dem Alter, in dem sich Charakter und Persönlichkeit ausbilden. Das haben wir am Karfreitag beim Kreuzweg der Kinder und Jugendlichen gehört. Ich bin den jungen Menschen auf der ganzen Welt nahe, und in dieser Stunde besonders denen in Myanmar, die sich für die Demokratie starkmachen und sich friedlich Gehör verschaffen, da sie wissen, dass Hass nur durch Liebe vertrieben werden kann.

Das Licht des auferstandenen Herrn möge eine Quelle neuen Lebens sein für die Migranten, die vor Krieg und Elend fliehen. In ihren Gesichtern erkennen wir das entstellte und leidende Gesicht des Herrn, der den Kalvarienberg hinaufgeht. Es soll ihnen nicht an konkreten Zeichen menschlicher Solidarität und Geschwisterlichkeit fehlen, die ein Unterpfand des Sieges des Lebens über den Tod sind, den wir an diesem Tag feiern. Ich danke den Ländern, welche die leidgeprüften Menschen auf ihrer Suche nach Zuflucht großzügig aufnehmen, insbesondere dem Libanon und Jordanien, die so viele Flüchtlinge des Syrienkonflikts beherbergen.

Möge das libanesische Volk, das schwierige und ungewisse Zeiten durchmacht, den Trost des auferstandenen Herrn erfahren und von der internationalen Gemeinschaft in seiner Berufung unterstützt werden, ein Land der Begegnung, des Miteinanders und des Pluralismus zu sein.

Christus, unser Friede, gebe es, dass das Getöse der Waffen im geliebten und gemarterten Syrien endlich aufhöre, wo Millionen von Menschen bereits unter unmenschlichen Bedingungen leben, ebenso im Jemen, dessen Ereignisse von einem ohrenbetäubenden und skandalösen Schweigen umhüllt sind, und in Libyen, wo sich nun ein Ausweg aus einem Jahrzehnt der Auseinandersetzungen und blutigen Zusammenstöße abzeichnet. Alle beteiligten Parteien mögen sich effektiv dafür einsetzen, die Konflikte zu beenden und es den vom Krieg ausgezehrten Völkern zu ermöglichen, in Frieden zu leben und mit dem Wiederaufbau ihrer jeweiligen Länder zu beginnen.

Die Auferstehung führt uns natürlich nach Jerusalem. Wir bitten den Herrn um Frieden und Sicherheit für die Stadt (vgl. Ps 122), damit sie ihrer Berufung entsprechen möge, ein Ort der Begegnung zu sein, an dem alle fühlen, dass sie Brüder und Schwestern sind, und Israelis und Palästinenser die Kraft des Dialogs finden, um eine stabile Lösung zu erreichen, nach der zwei Staaten Seite an Seite in Frieden und Wohlstand leben können.

An diesem Festtag kehre ich in Gedanken zum Irak zurück, den ich im vergangenen Monat besuchen durfte. Ich bete darum, dass er den eingeschlagenen Weg des Friedens fortsetzen kann, damit Gottes Traum von einer Menschheitsfamilie, die gegenüber allen ihren Kinder gastfreundlich und aufnahmebereit ist, Wirklichkeit wird.(1)

Die Kraft des auferstandenen Herrn möge die Völker Afrikas stützen, die ihre Zukunft durch interne Gewalt und durch den internationalen Terrorismus gefährdet sehen – besonders in der Sahelzone und in Nigeria sowie in der Region Tigray und in der Provinz Cabo Delgado. Alle Bemühungen mögen fortgesetzt werden, friedliche Lösungen für die Konflikte zu finden, und zwar unter Achtung der Menschenrechte und der Heiligkeit des Lebens sowie durch einen geschwisterlichen und konstruktiven Dialog im Geiste der Versöhnung und der tatkräftigen Solidarität.

Es gibt immer noch zu viele Kriege und zu viel Gewalt auf der Welt! Der Herr, der unser Friede ist, helfe uns, die Mentalität des Krieges zu überwinden. Er schenke es, dass alle Gefangenen der Konflikte, vor allem in der Ostukraine und in Berg-Karabach, gesund und heil zu ihren Familien zurückkehren können, und er rege die Regierenden in aller Welt dazu an, den neuen Rüstungswettlauf einzudämmen. Heute am 4. April wird der Welttag gegen die Antipersonenminen begangen. Diese heimtückischen und schrecklichen Sprengkörper töten oder verstümmeln jedes Jahr viele unschuldige Menschen und hindern die Menschheit daran, „gemeinsam Wege des Lebens [zu gehen], ohne die Gefahr von Zerstörung und Tod fürchten zu müssen“(2).  Wie viel besser wäre eine Welt ohne diese Instrumente des Todes!

Liebe Brüder und Schwestern, auch in diesem Jahr haben vielerorts Christen das Osterfest unter großen Einschränkungen gefeiert, mitunter sogar ohne die Möglichkeit, an den liturgischen Feiern teilzunehmen. Beten wir, dass diese Einschränkungen, wie alle Einschränkungen der Kult- und Religionsfreiheit in der Welt, beseitigt werden können und dass es jedem gestattet ist, frei zu beten und Gott zu loben.

Inmitten der vielfältigen Schwierigkeiten, die wir durchmachen, wollen wir nie vergessen, dass wir durch die Wunden Christi geheilt sind (vgl. 1 Petr 2,24). Im Licht des Auferstandenen werden unsere Leiden verklärt. Wo Tod war, ist jetzt Leben; wo Trauer war, ist jetzt Trost. Dadurch, dass er das Kreuz auf sich nahm, hat Jesus unseren Leiden einen Sinn gegeben, und nun wollen wir beten, dass sich die segensreichen Wirkungen dieser Heilung in aller Welt ausbreiten. Frohe, gesegnete und friedvolle Ostern!

Petersdom
Ostersonntag, 4. April 2021


FRANZISKUS