
Weihnachten, 2024
Jes 52,7-10/ Hebr 1,1-6/ Joh 1,1-18
Sie kennen es auch: In Liedern, Kirchenliedern, auch Weihnachtsliedern, die man seit Jahren und Jahrzehnten kennt und gerne singt, findet sich die ein oder andere Stelle, an der man immer wieder hängenbleibt, weil man sie nicht richtig versteht und sich insgeheim fragt: Was ist damit eigentlich gemeint?
Für mich findet sich eine solche Stelle in dem Eingangslied, das wir gesungen haben und das für mich
eines der schönsten Weihnachtslieder ist, die wir im Bistumsanhang unseres Gotteslobs haben: Auf, Christen singt festliche Lieder! (GL 757)
Die zweite Strophe beginnt mit den Worten: Dies schönste der menschlichen Kinder ist Gott, in die Menschheit gehüllt und dann heißt es: Dies große Geheimnis erklären die Engel den Hirten im Feld … Schon oft ging mir beim Singen die Frage durch den Kopf: Stimmt das eigentlich? Erklären die Engel den Hirten denn das Geheimnis der Weihnacht? Was sie sagen, ist: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, der Messias, der Herr. Und ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt. Soll das etwa eine Erklärung sein? Machen die Worte der Engel das Geheimnis nicht noch größer: Der Messias, der Retter als ein Neugeborenes in einem Stall …? Wenige Verse später vermerkt der Evangelist selbst, dass alle staunten über das, was ihnen über dieses Kind gesagt wurde. (vgl. Lk 2,18) Das heißt doch: Die Rede der Engel hat offensichtlich nicht alles erklärt.
Diese Frage, die ich schon seit Jahren mit mir trage, hat mich dazu angeregt, mit Ihnen ein wenig darüber nachzusinnen, was für eine Art von Geheimnis das ist, das wir da an Weihnachten besingen.
In der Regel verbinden wir mit dem Wort „Geheimnis“ Dinge, die geheim bleiben sollen. Bestimmte Inhalte sind „streng geheim“. Wir wissen, was in der Zeit von digitalen Netzwerken und Whistleblowern davon zu halten ist. Über kurz oder lang kommen selbst geheimste Dinge an das Licht der Öffentlichkeit.
Das Weihnachtsgeheimnis ist aber kein Geheimnis dieser Art. Immer wieder ist in den weihnachtlichen Tagen nämlich die Rede davon, dass das Geheimnis der Hl. Nacht den Menschen „kundgemacht“ wird. Johannes sagt: Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht … (Joh 1,18) Jesus so etwas wie ein „Whistleblower“ des Geheimnisses Gottes …
Wir selbst haben eben im Antwortgesang gesungen: Alle Enden der Erde schauen Gottes Heil. Das Geheimnis Gottes ist gerade nicht dazu da, um es zurückzuhalten. Es soll der ganzen Welt bekannt werden.
Welcher Art von Geheimnis ist aber dann das Geheimnis von Weihnachten? Für mich lässt es sich am ehesten vergleichen mit dem, was wir aus unserer menschlichen Erfahrung das „Geheimnis“ der Freiheit, das „Geheimnis“ der Liebe, das „Geheimnis“ der Person nennen.
Mag ein Mensch noch so sehr geprägt sein von seiner konkreten Biografie, seiner Erziehung und seinen Lebensumständen, so ist er in seinen Entscheidungen doch nicht völlig festgelegt. Es bleibt der Raum der Freiheit. Das zeichnet uns Menschen aus. Deshalb kann es durchaus vorkommen, dass jemand, den wir schon lange und gut kennen, eine Entscheidung trifft, mit der wir gar nicht
gerechnet haben. Hier treffen wir auf das Geheimnis der Person.
Ganz ähnlich ist es beim „Geheimnis“ der Liebe: Mag es durchaus äußere Gründe dafür geben, dass und wie sich zwei Menschen gefunden haben, die Frage der Liebe bleibt letztlich unbeantwortbar. Denn die Liebe ist mehr als die Summe aller Gründe, die man für das Zustandekommen einer Beziehung aufzählen kann. Ja, die Liebe ist ein Geheimnis, aber sie ist kein Rätsel, das es zu lösen gälte. Wollte man das Geheimnis der Liebe bis in seine Einzelheiten zerlegen, würde man es
zerstören.
Im Ereignis der Weihnacht kommt all das zusammen: Das Geheimnis der Person, das Geheimnis der Freiheit, das Geheimnis der Liebe. Es gehört zum persönlichen Geheimnis Gottes, dass er in liebender Freiheit die Welt ins Dasein ruft und diese ihm so am Herzen liegt, dass er selbst Mensch wird und sich für sie verausgabt bis in den Tod. Damit war nicht zu rechnen. Das konnte man aus der Schöpfung nicht ableiten. Es lässt sich auch nicht ableiten aus den vielen religiösen Traditionen, die es in der Menschheitsgeschichte gibt. Und auch wenn es für uns Menschen als denkende Wesen richtig und wichtig ist zu versuchen, Gott in seinem Wesen und in seinem Handeln zu verstehen, so kann es bei all unserem Nachdenken nicht darum gehen, „hinter“ das Geheimnis Gottes zu kommen, so wenig es darum gehen kann, „hinter“ das Geheimnis eines anderen Menschen zu kommen.
Liebe Schwestern und Brüder, man kann in diesen Tagen nach der entsetzlichen Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg nicht über das Geheimnis von Gott, Welt und Mensch sprechen, ohne daran zu erinnern, dass es auch so etwas gibt wie das „Geheimnis des Bösen“. Damit ist gemeint, dass sich auch die Frage nach dem Ursprung des Bösen und danach, was Menschen wie den mutmaßlichen Attentäter von Magdeburg dazu verleiten, anderen Böses anzutun, wohl nie zufriedenstellend beantworten lassen wird. Selbst wenn sich – und das ist wichtig! – einzelne Motive
für die Tat benennen lassen.
Aber auch das muss in diesen Tagen gesagt sein: Nach unserer christlichen Überzeugung steht das „Geheimnis des Bösen“, sosehr es uns bedrängt, nicht irgendwie gleichrangig neben dem „Geheimnis der Liebe“. Jesus, der menschgewordene Gottessohn, hat in seiner Hingabe bis zum Tod das Böse in seinem Kern besiegt. Das Geheimnis der Liebe ist stärker als alles andere. Das ist unsere christliche Überzeugung. Das ist es, was uns an Weihnachten mit Zuversicht und Freude erfüllt.
Liebe Schwestern und Brüder, wie hieß es in dem Weihnachtslied aus unserem Diözesananhang? Dies schönste der menschlichen Kinder ist Gott, in die Menschheit gehüllt; es weiht sich zum Mittler der Sünder, von himmlischer Liebe erfüllt. Dies große Geheimnis erklären die Engel den Hirten im Feld. –
Jetzt verstehe ich: Die Engel erklären das Geheimnis der Weihnacht nicht, wie man jemandem eine Sache erklärt. Was die Engel aber tun, ist, dass sie im Auftrag des Himmels eine Erklärung abgeben: Sie erklären feierlich, dass es Gottes fester Wille ist, diese Welt nicht zugrunde gehen zu lassen, sondern sie zu retten. (Lk 2,11) Das Kind von Bethlehem ist dafür der Garant.