
Osternacht, 5. April 2026
Die Osternacht ist eine einzigartige Feier. Sie verliert, so oft man sie auch feiert, nichts von ihrer Faszination. Woran liegt das? Ich glaube, es liegt daran, dass uns diese Nachtfeier auf eine sehr eindrückliche Weise in Berührung bringt mit elementaren Dimensionen unseres Lebens: Mit Licht und Dunkelheit, mit Musik, Gesang und Stille, mit Feuer und Wasser, mit Brot und Wein … Uns Menschen des digitalen Zeitalters tut es gut, uns diesen urtümlichen Elementen hin und wieder ganz bewusst auszusetzen.
Zum Ereignis dieser Nacht gehören auch ganz wesentlich die biblischen Lesungen, die wir hören. Auch für die Lesungen gilt: Es sind Texte, die sich über die Jahrtausende nicht abgenutzt haben. So oft man sie auch hört, berühren sie einen. Das liegt nicht nur an ihrer großen sprachlichen Kraft, an ihren poetischen Formulierungen, sondern wir spüren, dass in diesen Texten Urfragen des Menschseins zu Wort kommen. Mögen die Lesungen auch von Ereignissen berichten, die in unvordenklicher Zeit geschehen sind, so haben sie doch nichts an Aktualität verloren. Schauen wir die Lesungen unter diesem Gesichtspunkt etwas näher an:
Es beginnt mit der Erschaffung der Welt: Es wurde Abend, es wurde Morgen, ein Schöpfungstag … Mit diesem Refrain beschreibt die Erzählung der Genesis die Vielfalt und wunderbare Ordnung der Schöpfung. Zugleich erinnert uns die Erzählung an die gewaltigen Dimensionen der Schöpfung, von denen wir umgeben sind und an die Kräfte, die in ihr wirken. Sie bringen uns nicht nur zum Staunen, sondern sind oft auch furchteinflößend. Und: Als Menschen des 21. Jahrhunderts können wir diese 1. Lesung nicht hören, ohne an die Verantwortung zu denken, die wir für die Bewahrung der Schöpfung haben, damit Gottes „gutes“, ja „sehr gutes“ Werk erhalten bleibt.
Die zweite Lesung, die dem Buch Exodus entnommen ist, führt uns zu einem (wenn nicht gar dem) zentralen Ereignis am Ursprung Israels. Es ist die ebenso überraschende wie beglückende Erfahrung der Befreiung aus Sklaverei und Knechtschaft. Die Erzählung ist nicht nur ein Schlüsseltext des Volkes Israel, sie ist längst zu einer Symbolgeschichte der Menschheit geworden: Hier geht es nicht nur um den Pharao von damals, sondern um die Pharaonen aller Zeiten, die Diktatoren und Tyrannen, die Menschen unterdrücken.
Die Lesung aus dem Buch Exodus spricht also auch von unserer Zeit, von der Sehnsucht unzähliger Menschen nach Freiheit, Gleichberechtigung und einem Leben in Würde. Eine Studie besagt, dass
aktuell 72 Prozent der Menschheit in autokratischen Systemen lebt. Sage einer, die Erzählung vom Roten Meer sei ein Märchen aus uralter Zeit …
Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? (Jes 55,2) Treffender als der Prophet Jesaja in der 3. Lesung kann man die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht auf den Punkt bringen. Aber Jesaja weiß, dass kritische Rückfragen nicht nur an die Menschen zu stellen sind. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist oft genug auch eine
Anfrage an Gott. Für Jesaja heißt dessen Antwort: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken. (Jes 55,8)
Und schließlich – so haben wir aus dem Mund des Propheten Ezechiel gehört – sprechen die Lesungen von der Sehnsucht nach einem neuen Anfang. Wie sehr ist in den letzten Monaten im Blick auf Politik und Gesellschaft in unserem Land von einem notwendigen Neustart die Rede. Und wie sehr spüren wir angesichts der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, im Sudan …, dass es neuer Perspektiven und Initiativen bedarf, damit wenigstens die Ahnung einer Lösung aufkeimen kann. Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist … Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch, so verspricht Gott. (Ez 36,26) Was würden wir darum geben, dass diese Verheißung wahr würde, angesichts der Egoismen und Rücksichtslosigkeiten, die auf den verschiedenen Ebenen unseres menschlichen Zusammenlebens gang und gäbe sind!
Die Osternacht sagt uns erstens, dass wir mit den Fragen, die uns bedrängen, nicht allein da stehen, dass unsere Erfahrungen und Fragen aufgehoben sind in einem Horizont jahrtausendealter Erfahrung. Das ist eine heilsame Einordnung und kann uns helfen, den langen Atem zu gewinnen, den wir für unser Leben brauchen. Das tut gut.
Aber die Osternacht sagt uns noch mehr: Dafür stehen die Schriftzeugnisse aus dem Neuen Testament: Sie bezeugen, dass Gott nicht bloß der Ursprung der Welt ist und ihr geheimnisvoller, schweigender Horizont. Nein, Gott selbst ist in diese Welt eingetreten, hat „Fleisch angenommen“, wie wir sagen, ist Mensch geworden unter uns Menschen. Er hat am „eigenen Leib“ die Schönheiten und Abgründe des menschlichen Lebens erlebt. In Jesus Christus hat Gott sich mit uns solidarisch erklärt bis in den Tod. Das gibt unserem Leben eine ganz neue Qualität und Würde.
Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, schreibt Paulus den Christen in Rom. (Röm 6,8) Dieses Mit ist das Neue. Nach Ostern verläuft nach christlicher Überzeugung die entscheidende Grenze nicht mehr zwischen Leben und Tod. Die entscheidende Grenze verläuft zwischen einem Leben mit Christus und einem Leben ohne ihn. Deshalb kommt es darauf an, seine Nähe zu suchen. Plastische ausgedrückt: Es kommt darauf an, die Hand, die Gott uns in Christus entgegenstreckt, zu ergreifen, um mit Christus zu sein.
In wunderbarer Weise finde ich dies auf den Osterbildern der Ostkirche dargestellt. Unsere Osterbilder, die Osterbilder der Kirche im Westen zeigen ja in der Regel das leere Grab oder Christus, der als Sieger aus dem Grab emporschwebt, während die Umstehenden voller Staunen oder Erschrecken daneben stehen. Die Osterikonen der Ostkirche dagegen zeigen Christus, der aus dem Totenreich aufsteigt und die Tore der Hölle mit Füßen tritt. Oft sieht man, dass Christus nicht allein aus dem Dunkel des Totenreichs kommt, sondern zusammen mit sich die Verstorbenen herausführt, ja sie regelrecht an der Hand herauszieht, so dass sich von Hand zu Hand eine Menschenkette bildet. Für mich ist das ein sehr berührendes Bild für das Mit-Christus-Sein und das Mit-einander-Sein, das
von Ostern ausgeht.
Die Ordensfrau und Schriftstellerin Kyrilla Spiecker (1916-2008) hat das einmal so formuliert:
Wir leben im Schlepptau/ Deiner Vollendung/
Wenn wir Deine Hand greifen/
Wenn wir dem [Nächsten] die Hand reichen/
Wächst eine Kette/ Ins Ostern
Die Kette muss halten/ bis auch der Letztgeborene/ am jüngsten Tag/ endgültig ankommt/ Im
Ostern/ Dir nach
Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir uns vom Auferstandenen ins Schlepptau nehmen. Ergreifen wir seine Hand, damit er uns aus dem Dunkel und Zwielicht dieser Welt ins Licht von Ostern führt.
Amen.
.
(Quelle: Bischöfliches Generalvikariat, Stabsstelle Kommunikation, Bistum Trier)